DE agas-schmitz.com, Alexander Schmitz (nov.2011)

Das italienische Label Auand, spezialisiert auf modernen, sprich: zeitgenössischen Jazz, scheint tatsächlich ein Garant für Programmtreue und eine sichere Hand beim Entdecken, Fördern und Integrieren von Künstlern in seinen Katalog. agas hat in der letzten Zeit immer wieder Auand-Gitarristen vorgestellt – Paolo Angeli, Karsten Lipp, Paolo Sorge [alle hier] und Roberto Cecchetto [hier] -, mit denen sich genau das jedesmal aufs Allerschönste bestätigt hat: Auands Modernität verspricht immer wieder positive Überraschungen, Faszination, Spannung und Staunen oder jedenfalls doch große Sympathie.

Mag wohl sein, dass Francesco Diodati, Jahrgang ’83 und die neueste Entdeckung, mit seinem Debüt “Purple Bra” [Auand AU9021] den Zenit seiner künstlerischen und handwerklich-gitarristischen Fähigkeiten noch nicht ganz erklommen hat; aber dafür würde dieser junge Mann aus Rom sich sicherlich auch verwehren, im Zusammenhang mit diesem Debüt allein in den Vordergrund gerückt zu werden, nur weil er ein interessanter, stilistisch vielseitiger Gitarrist ist, der es bewundernswert versteht, verschiedene Stile zusammenzuführen, ohne dabei teures Porzellan zu zerdeppern. Vermutlich würde er so was sagen wie: Dieses Debüt ist das Debüt seiner Gruppe Neko, und sie ist das Debüt eines Duos innerhalb dieses Quartetts. Anders gesagt: Neko besteht aus drei Francescos, erst mal dem Gitarristen, dann dem Kontrabassisten Ponticeli und dem Tenoristen Bigoni. Am Schlagzeug sitzt Ermanno Baron. Neko ist zuallererst das Tandem von Diodati und Bigoni, einem Duo von bestem Rapport, das mit dieser Rhythmusgruppe das ganz große Los gezogen hat, aber gern auch mal drauf verzichten kann, wie in den beiden Stücken “Finale Aspetto” und “Hit”, in denen Francesco D. – der bis auf den Schlusstitel Komponist der anderen neun Stücke ist – nicht zur E-, sondern zur Konzertgitarre, vulgo: Nylonstring greift.

“Unser” Francesco kam wie fast alle Gitarristen vor, neben und nach ihm als Teenager zu dem Instrument, machte an der Uni zwar seine Abschlüsse in Betriebswirtschaft und Statistik, bleib aber bei der Musik und machte die dann zu seinem Hauptberuf. Ein Stipendium brachte das vielversprechende Talent nach Siena an die dortige School of Jazz und in Workshops mit John Abercrombie, Kurt Rosenwinkel und diverse VIPs aus der nichtgitarristischen Weltklasse-Szene. Ein weiteres, allenthalben begehrtes Stipendium transportierte ihn in den Big Apple an die New School for Contemporary Jazz and Music, wo er u. a. unter den Fittich von Peter Bernstein geriet. Mittlerweile pendelt F. D. regelmäßig zwischen New York und Rom, hat mittlerweile erste, leuchtende Sporen auf diversen europäischen Festivals verdient und begonnen, auf sich auch als Komponist aufmerksam zu machen.

Neko, das bedeutet Bop, freies Spiel, das außerordentliche Talent, diverse Stile – Folk, Jazz, Rock – mit einer bewundernswerten Dosis eigener ausgeprägter Kreativität und Musikalität so miteinander zu verschmelzen, dass man schnell meint, die Synthese selbst sei ein Stil in its own right. Neko macht nichts kaputt, meidet jeden – an den nördlichen Enden Europas zur Zeit so geschätzten – Anarchismus und Chaos um des Chaos’ willen. Diodati und Bigoni scheinen auf den Hörer nicht nur ein Kreativ”system”, sondern ein Korrektiv”system”, das für eine stilistische (oder auch non-stilistische) Balance stets gesorgt bleibt.

Mit “Kort” startet der Einstand hardboppig inklusive kleiner gitarristischer Ausbrüche (bei beibehaltenem klassischen Mainstream-Sound) und endet auch so. Anmerkung aus meinen Notizen: “Die Rhythmusgruppe kocht”. “Neko”, Bandname und Songtitel, ist langsam, ein schönes, schlankes Stück mit ausgedehntem Basssolo, alle vier von Kopf bis Fuß auf Ballade eingestellt. In “Purple Bra” behält das Sax die Melodie in der Lunge; die Gitarre wirft dunkle, aber nicht düstere Akkordakzente dazwischen. Das zweite Drittel ist free, mit einem Hauch von Elektronik; danach geht’s in minimalistischen Schrittchen heim ins Land der schönen Melodie, schleichend, tastend, stupsend, bis zur kurzen expressiv-lärmigen Zwischenetappe und dann ins Thema. “Suvi” ist langsam und Duo. Italienische Kühle hat immer noch 22, 23 Grad plus. “Finale Aspetto” ist das erste Duo von Bigoni und Diodati an der Nylonstring; fünf Stücke weiter folgt mit “Hit” das zweite, beide langsam, das zweite (das vorletzte Stück) mit geraden, regelmäßigen Akkorden und darüber das Sax, das fast an die Nieren geht.

“Doctor BC” ist mit 9:10 das längste Stück, langsam und sparsam startend, dann mit Unisono-Thema und Änderung der Wetterlage: die famose Rhythmusgruppe erwacht, “formiert” sich vorm Sax-Solo. F.D.’s Comping entspricht weiten Teilen zeitgenössischen Jazzgitarre-Spiels: wenig, aber harmonisch richtig ausgebufft. Dann eines der typischen Gitarrensoli: nie fingerbrecherisch, nie Showoff, sondern immer auf die Ästhetik des Ganzen bedacht, ganz von heute, aber im Wortsinn ganz und gar un-cool. “Krashing minds” ist Duo of the leash, affenartig schnell, außen Bebop, innen Post-Bop und Herz und Hirn gleichermaßen entzückende Interaktion. “Joy Plant” ist anfangs noch eine “richtige” Ballade, und die aufsteigende Linie im Thema weckt “Yesterdays”-Assoziationen. Der große Rest ist, ungewöhnlich genug für “richtige” Balladen, ist ziemlich spannend, woran Ermanno maßgeblich “Schuld” hat. Zum Schluss mit Jeff Buckleys “So Real” der einzige Fremdtitel hier, ein auditiver Film, de rückwärts läuft, oder: Wie man aus Trümmerbrocken und -bröckchen einen ausdrucksstarken, wetterfesten Song zusammenbaut.

In einem Satz: Neko ist ein weiterer Volltreffer im Auand-Programm. Und von Francesco Diodati, dem jungen Römer, wird mit Sicherheit noch viel zu hören sein. Viel Gutes, viel Exzellentes.