DE Hifi & Records, Hans-Dieter Grünefeld (mar.2017)

Stil-Vielfalt made in Italy
Die italienische Jazz-Szene geht ihren eigenen Weg, wie aktuelle Einspielungen zeigen.

Im Land, in dem die Zitronen blühen, findet auch der Jazz fruchtbaren Nährboden, soll heißen: Zeitgenössischer Jazz aus Italien zeigt sich in einer vielleicht überraschenden Vielfalt von Retro bis Avantgarde. Letztgenannte “It’s Not Jazz, It’s Worse”, meint die band Swedish Mobilia (Auand 9062) vorwarnend. Denn Gitarrist Andrea Bolzoni, Bassist Dario Miranda und Schlagzeuger Daniele Frati delektieren sich meistens an experimentell-amorphen Sounds über Live-Electronics, doch deren sich auf Dauer wohl nur Hartgesottene zuwenden.
Zugänglicher sind dagegen die abrupten Rhythmus- und schnellen Rollenwechsel der “Hardcore Chamber Music” von Gitarrist Manlio Maresca & Manual For Errors (Auand 9063), indem Kompositionsprinzipien der klassischen Moderne mit polyphonen Improvisationspassagen des Sextetts, insbesondere von Trompeter Francesco Lento und Altosaxophonist Daniele Tittarelli, verbunden werden oder fragmentierte Motive und Rubato-Tempi etwa den nostalgischen “Craving Rag” kennzeichnen. Einem ähnlichen Konzept folgen Piero Bittolo Bon’s Bread & Fox auf ihrem Album “Big Hell On Air” (Auand 9060). Allerdings ist Minimal Music deren Referenz, die mit Elementen freier Assoziation so kombiniert ist, dass Strukturen und Formen an gestrebt und erkennbar sind. In der Besetzung Posaune, Tuba, Klavier, Schlagzeug und Piero Bittolo Bon am Altosax sowie Flöte und Klarinetten ist man
anarchischem Humor zugeneigt: Da werden Klänge gewürfelt, repetitiv-verschachtelte Bop-Muster über perkussiver Rock-Energie modifiziert oder eine konstant pulsierende Ballade im Brass-Triolog mit dunklen Timbres geheimnisvoll gerahmt.
Man kommt eben gerne auf ein Thema zurück, so auch Gitarrist Frank Martino auf “Revert” (Auand 9064): Er stellt hier mit Pianist Claudio Vignali, Bassist Stefano Dallaporta und Schlagzeuger Diego Pozzan seine Version des Ambient Jazz vor. Da gibt es unheimliche Sound-Installationen, Elektro-Rock mit treibenden Beats und in “Boiling Water” futuristische Filmmusik, zu der im Hintergrund ein gesampelter Chor ätherische Akkorde singt. Lieber auf impressionistische “Migrations” (Auand 3009) begibt sich der Pianist Franco Piccinno, der im Trio mit Bassist Aldo Vigorito und Schlagzeuger Giuseppe La Pusata ein verkapptes “Take Five” als lässig swingendes “Smoothie” anbietet. Lakonische Klavierphrasen und ein frappierend autonomer Basspart verhüllen die Parodie aber so geschickt, dass vom Original nur Schemen übrig bleiben. Gleiches gilt für den “Late Night Joke” im Fiesta-Stil von Chick Corea, denn ein strammes Motiv und vitale Improvisation verweisen schließlich doch auf die eigene Band.
Landestypisches Lokalkolorit ist bei diesen exemplarischen Aufnahmen also stets präsent. Die Jazz-Szene in Italien hat ihr Vokabular aus verschiedenen Strömungen innovativ erweitert und artikuliert nunmehr eigene Dialekte so, dass sie international Aufmerksamkeit erlangen kann. Alle CDs sind auf www.auand.com erhältlich.