DE Jazzpodium, Alexander Schmitz (sept.2011)

Gleich drei neue Alben auf dem auf improvisierte und experimentelle Musik spezialisierten italienischen Auand-Label, und dessen Linie wird deutlicher: erstaunliche Vielfalt in der Einheit der Kompro-misslosigkeit und immer gutem Überraschungspotenzial.
Einziger Deutscher hier ist der Gitarrist Karsten Lipp, und was er spielt, überzeugt. Er ist Akustiker, und was er in der exquisiten Truppe von Quilibri spielt, lässt frohlocken. Quilibris Kopf ist Andrea Ayassot, ss, und „Eco Fato” eine Delikatesse aus großer Melodik, subtilen Emotionen und restlos gutem Geschmack, stilistisch Flo-Vergnügen, als Kammerjazz nimmt und kapiert, was sich in „Ulaloop” aus einem Mikrothema aus drei wiederholten Tönen alles gestalten lässt. Karsten haucht seine Akkorde durch „Gingiotto”, dann kommt der Bass und dann ganz sanfte Percussion und später das Sax. Nur im letzten Stück, „Sincronia”, fällt es dann doch schwer zu glauben, dass nicht wenigstens dies zumindest in den Hauptlinien ausnotiert war. West goes East, scheinbar zufällig im Erkunden der Welt. Dass die Perkussioni-sten kurz vor Schluss ein langes Duo-Solo (!) bekommen, ist der Lohn für die sensible, feine Arbeit. Die charakterisiert das ganze Album, das es unmöglich macht, sich in den nigelnagelneuen Jazz von heute nicht zu verlieben. „MA.RI” ist das Titelstück, ganz am Ende der fünf Stücke und das kürzeste: akustische Musik, von der man nicht glauben mag, dass sie’s wirklich ist, „Ma.Ri” ist Duo, das besteht aus Antonello Salis, p/ acc, und dem Gitarristen Paolo Angeli. 1989 experimentierte er im Laboratorio di Musica & Immagine, gehört zu den Gründern der Scuola Populäre di Musica Ivan lllich in seiner sardischen Heimat und des Avantgarde-Labels Erosha. Mitte der 90er begann er sich intensiver mit der Volksmusik des sardischen Nordens zu beschäf-
tigen und aufzufallen mit einer sehr seltsamen sardischen Gitarre, einem tiefer als normal gestimmten Bastard aus Bass, Cello und Gitarre mit 78er Mensur, einer Gesamtlänge von 110 cm, 10,5 cm Zargen und zusätzlichen acht im rechten Winkel zum Standard verlaufenden Saiten plus zwischen vier und sieben Bordunsaiten, 16 Einzelmikrofonen, sieben Motoren und ebenso vielen Pedalen usw. usf. Zu jener Zeit gehörte Paolo längst zur Elite der italienischen Avantgarde. Im ersten und mit 16:28 längsten Stück beginnt das Klavier perkussiv, öffnet sich dann und fächert sich aus, getrieben von Paolos gitarristischem Multitasking. Salis landet dann fci der zeitgenössischen „E-Musik”, solange, bis Paolo irrwitzige Singelines hören lässt, gegenläufige Basslinien und sein unglaubliches Perkussionsspektrum. In „Carta d’imbarco” hören wir gleichsam Frith und Bailey gemeinsam zu Besuch beim Akkordeonisten, in einem spannenden Tete-ä-tete und mit allen Ups & Downs, die solche Ad-lib-Happenings mit sich bringen können. Angeli treibt seine Riesin zu immer erstaunlicheren Klangoffenbarungen. „Vasche/Per un pugno di dollari” ist Paolos großes Solo für sowas wie eine komplette sardische Folkband ohne Gesang. Unfassbar – eine Offenbarung der wirklich höchst exklusiven Art. Nach der ersten „Montage” die zweite und letzte: „A braccio/ Mother nature’s son” wieder mit Akkordeon und Paolo, sensationell, McCartney wird sardisch eingeordnet. Unübertrefflich. Schließlich der kurze Titelsong, und über Angelis himmlischem Spiel schwelgt kurz und unverblümt das Akkordeon in köstlich swingenden Bluesfreuden. Drittens noch ein Paolo, Paolo Sorge, Jahrgang ’68. Der kommt aus Sizilien und ist einer der populärsten Komponisten, Gitarristen und Improvisateure Italiens. Er experimentiert seit zwanzig Jahren in diversen Genres, hauptsächlich aber im Jazz und ersann das Programm seines Plattendebüts „Trinkle Trio” mit dem französischen Tubisten Michel Godard und Francesco Cusa, dr/perc. Dies ist eine Reis-sue von 2003, was aber nichts ändert an der wohl ungewöhnlichsten und vielleicht verrücktesten Monk-Hommage je. Abgesehen von Sorges „Prologo” und „Epilogo” paraphrasieren alle weiteren elf Stücke ausschließlich Monk-Titel im fröhlichem Dekonstruktivismus.
Sorge spielt nur wenig verstärkt, meist nur leicht angezerrt und viel mit abgedämpften Saiten, mit multi-string-bendings, die Slide-Effekt haben und vielen an- und abschwellenden Akkorden und Clusters. Godards Tuba karriolt virtuos wie eine tiefgelegte Posaune herum. In „Bye-ya” übernimmt Paolo perkussive Aufgaben auf mehreren Saiten, bevor er Sekundärmelodien herausschält und der Tuba die Führungsrolle klaut, die noch kurz den „Bass”-Part übernimmt, bevor es wieder ins freie Kollektiv geht. In „Crepuscule with Nellie” ertappt sich Paolo in kurzen, halbwegs traditionellen Figuren, die er wieder rasch zerspielt. Cusa trommelt meist reduziert und als Einziger, der ein Kontinuum gewährleistet: Dieser Spielplatz gehört Godard und Sorge. Letzterer spielt gern vorsätzlich „naiv” in der Art des Anschlags und der Tongestaltung; in „Monk’s mood” aber setzt er punktuell modernste Akkordgebilde ein und nähert sich im Linienspiel den besten Idiomen heutiger Ton-Angeber an. Spannend, im besten Sinne unterhaltsam und als Entwurf für einen Dialog mit einem großen Jazzkomponisten und -Solisten ernst zu nehmen und äußerst anregend. Wie alles vom Label Auand.