DE Jazzpodium, Klaus Hübner (feb.2011)

Sie holen die Dynamik aus der Falle der Zugeständnisse. Das Trio Chant formuliert ein deftig-heftiges Kaleidoskop brutalst möglicher Klänge, reißt die Grenzen zum Lärm nieder und gestaltet in kompromissloser Souveränität einen Orkan aus Noise Music und Jazzpunk. Gitarrist (und Multi-instrumentalist) Libero Mureddu, Bassund Cellospieler Antonio Borghini und Schlagzeuger Cristiano Calcagnile kennen keinen Schmerz und keine Rücksichtnahme. Der schnelle, in Clustern und Pat-tern’servierte Sound schmeckt wie eine Terrine Stacheldrahtsuppe mit Widerhakeneinlage – totale Energie und feurige Direktheit führen zum Ziel. Was nur heißen kann: dem Wohlklang den Boden unter den Füßen wegziehen. Im letzten Titel der CD zitiert das Trio aus dem zweiten Akt von Claudio Monteverdis Oper „Orpheus”, in dem Orfeo von seinen vergangenen Liebesqualen singt, während
Euridice, blumenpflückend, an einem Schlangenbiss stirbt. Dieses „Postcard from Italy” betitelte Stück wird von einer Harmoniumpassage eingeleitet, die in eine von einem Bordun-Ton getragene Gitarrensequenz übergeht. Hier steigert das Trio die Dramatik nicht durch galoppierende Tonkaskaden sondern hält Trauer und Verzweiflung des Opernhelden in der Schwebe. „Postcard from Italy” reicht die Hand zur Versöhnung, ohne den Grundkonsens, der als Lärmbereitschaft identifiziert ist, aufzugeben.