DE Jazzthetik, Von Hansen Juergen Link (jan.2018)

Pericopes+1 – Gemeinsam eintrocknen

Pericopes hieß das Duo, das Alessandro Sgobbio und Emiliano Vernizzi im Jahr 2012 gründeten; sollte das nicht mit einem Periskop verwechseln. Irgendwann geriet der Schlagzeuger Nicholas Wight in ihr Gesichtsfeld. Bald darauf gab es das Trio Pericopes +1

Alessandro Sgobbio und Emiliano Vernizzi hatten als Solisten und als Pericopes schon mehrere Preise eingeheimst und auf wichtigen Festivals gespielt. Dann kam der Rock’n’Roll. Emiliano Vernizzi lernte Nicholas Wight aus New York während eines gemeinsamen Tournee-Engagements für einen Rockmusiker kennen. Einige Zeit später lud Emi den Schlagzeuger ein, nach Paris,wo er mit Alessandro Sgobbio für ein neues Pericopes-Projekt proben wollte. So erhielt das Duo den Appendix +1. Das klingt unkompliziert, brachte aber einige Schwierigkeiten in die Welt. Schon allein die geografische Problemlage ist erheblich: Emiliano Vernizzi (sax) lebt in Parma, wo er am Konservatorium lehrt. Alessandro Sgobbio (p, keyb) lebt in Paris. Und Nicholas Wight lebt in New York.
Eine Zusammenarbeit im Trio erschien gleichwohl kaum vermeidbar. Die Chemie, sagt Alessandro Sgobbio, stimmte von Anfang an. Ohne dass wir uns besonders bemüht hätten, entstand zwischen uns eine kreative energetische Verbindung. Der fehlende Bass im Duo erfordert ohnehin ständig die Entwicklung neuer Ideen und besonderer Strukturen.
Wir genießen es, miteinander etwas aufzubauen und zu dekonstruieren. Wir sind eine Live-Band und spielen so oft wie möglich zusammen. Das bedeutet immer auch, gemeinsame Kompositionsprozesse zu gestalten. Die meisten Stücke in unserem Repertoire sind entstanden, indem wir zusammengespielt haben. Unsere gemeinsame Intuition entwickelt sich in der kollektiven Arbeit. Und Emi ergänzt Nicks Art, Schlagzeug zu spielen, hat sich perfekt in unsere musikalischen Visionen gefügt. Wir schaffen zusammen eine sehr frische Sprache, eine Brücke zwischen unseren amerikanischen und europäischen Einflüssen.
Die musikalischen Verläufe, die das Trio produziert, wären durch intuition allein auch kaum erklärbar, und für einen Schlagzeuger gibt es ungewöhnliche Dinge zu tun. Nur selten bewegt sich die Musik über durchlaufenden Rhythmen. Stattdessen gibt es immer wieder Tempoveränderungen: Abbremsen, Beschleunigen, plötzliche Stopps, auch gegenläufige Passagen und immer wieder ungerade stolpernde, hüpfende Metren. Das Schlagzeug spielt dabei keine grundsätzlich andere Rolle als Saxofon oder Klavier. Anfangs, sagt Nicholas Wight, hatte ich das Gefühl, dass es völlig sinnlos war, wenn ich mich in eine Art Standard-Schlagzeug-Verständnis flüchten wollte. Ich müsste eine eher kompositorische Art des Spielens entwickeln, einen unorthodoxen Schlagzeug-Stil, der sich der Musik genauso von der Melodik und der Textur her annäherte wie von der Idee, Groove zu produzieren oder ein rhythmisches Konzept zu dekonstruieren.
Auf dem Album Legacy kommt beides zusammen: die spielerische Intuition und die planende, kompositorische Arbeit. Alessandro Sgobbio findet, die gemeinsame Probenarbeit habe Ähnlichkeit mit einem systematischen Eintrocknen, mit dem sich die drei ihre Gewissheiten und Verläufe für jedes Stück im Hinblick auf Struktur, Rhythmik und Harmonik erarbeiten. Wir haben uns darauf konzentriert, kleine Phrasen, Riffs und Verläufe häufig zu wiederholen und minimale Veränderungen einzufügen, sodass vorgeplante Strukturen mit Energie aufgeladen werden. Unser Repertoire erfordert viel Genauigkeit und höchste Konzentration beim Spielen und beim Zuhören. Nur dann können wir es schaffen. aus unseren Echtzeit-Entscheidungen mitreißende Musik zu machen. Überraschend fallen Antworten auf die Kardinalfrage aus, woher die Einflüsse für solche musikalischen Prozesse kommen: David Bowie, Run-DMC, Jimi Hendrix, Kurt Cobain. Keith Emerson. Die Einflüsse sind nicht in getrennten Traditions-Behältern aufbewahrt, sondern wirken unvorhersehbar und gleichzeitig zusammen. Emi: Wir leben in einer postmodernen Welt, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in verschiedenen Ebenen und Geschwindigkeiten vorkommen. Unsere Art, mit Einflüssen umzugehen, ändert sich ständig. »
Und die Entfernungen? In drei Ländern auf zwei Kontinenten zu leben und zusammenzuspielen, erfordert vor allem: Organisation. Mindestens einmal im Jahr verabreden die drei eine Arbeitsphase, in Europa oder den USA. Dann wird am Zusammenspiel und an Zukunftsplänen gearbeitet. im Sommer 2017, erzählt Emi, hatten wir eine Arbeitsphase in Apulien.
Eine ziemlich abenteuerliche Idee. Die Außentemperatur kletterte auf 38 Grad, und wir hatten keine Klimaanlage. Während alle Welt am Strand lag, probten wir in einem Keller verrückte krumme Metren.
Ansonsten kommunizieren sie, wie alle Welt das heute tut: elektronisch. Ständig tauschen sie sich aus über Funde in Plattenläden in Paris, Mailand oder New York, über Ideen für ein neues Album. Und irgendwie entsteht immer wieder ein neuer Zusammenhang.