DE musikansich.de, Wolfgang Giese (jan.2020)

Wie bereits in Verbindung mit anderen Bands des Labels Auand festgestellt: In Italien klingt die Fusion von Rock und Jazz anders! Doch halt, ganz so pur italienisch geht es beim 2017 gegründeten Sextett Ghost Horse doch nicht zu. Denn es ist eine italienisch-amerikanische Zusammenarbeit. Thematisch soll es um Folgendes gehen beim aktuellen Album Trojan: Es handelt von Konflikten um Land und Wasser, die aus der europäischen Besiedlung Nordamerikas resultierten.

Doch ganz so rein europäisch klingen die vielen verwendeten Elemente und Quellen nicht ausschließlich, auch Afrika und Lateinamerika haben Einzug gehalten, verbunden mit den amerikanischen „Eigengewächsen“ wie Blues und Jazz, und dazu ein Brückenschlag in die Moderne. Auf dem Cover, so konnte ich nachlesen, wird einmal das Gesicht von Sitting Bull dargestellt, dass sich allerdings hinter einer Maske verbirgt, und das ist das originale Gesicht der amerikanischen Freiheitsstatue. Nun, hierüber ließen sich einige philosophische Abhandlungen ableiten, oder?

Die auf Trojan wirkenden Musiker sind allesamt bekannte und gefragte Größen der Musikszene in Italien, auch der amerikanische Bassist Joe Rehmer, der in Italien lebt. Zum Schlagzeuger Stefano Tamborrino sei noch zu bemerken, dass er sich das Schlagzeugspiel selbst lehrte, was vielleicht seinen ein wenig unkonventionellen Stil erklären mag.

In seiner Gesamtheit stoße ich auf einen sehr ungewöhnlichen Sound, Musik, die sich partout nicht unbedingt in einengende Schubladen ablegen lässt. In der Basis ist es jedoch eine Fusion zwischen Jazz und Rock, nur ein wenig anders aufgebaut und vorgetragen. So ergeben sich viele Überraschungsmomente, viele Nischen, in die die Musiker hineinschlüpfen auf ihrem Weg, von üblichen Pfaden abzuweichen. Im Einzelnen zu einigen Songs möchte ich bemerken:

“Trojan“, der Titelsong, ist stark geprägt vom dumpfen Spiel des Basses und ggf zusätzlich der Tuba, dazu improvisiert der Drummer unaufhörlich im Hintergrund, und Kinzelman am Saxofon bläst entschlossen mit Unterstützung der Posaune, doch entschlossener und absolut in Richtung Sonny Sharrock und Terje Rypdal wandernd, schält sich Gitarrist Baldacci langsam aus dem Hintergrund hervor und trägt breitflächige Fetzen voller Energie vor, das ist packend! Alle anderen bleiben dabei relativ ruhig, aber irgendwie brodelt es andauernd.

“Il Bisonte“, ja, das ist eindeutig und klar – Vignato spielt mit der Posaune genau das, was einst Albert Mangelsdorff auf dem Instrument entwickelt hat, Multiphonics! Trotz seiner Länge von fast achteinhalb Minuten ist dieser Song ein relativ ruhiger und getragen von bildhafter Tonsprache, von behutsamer Anmut und mit einem geheimnisvollen Ausdruck ausgefüllt. “Hydraulic Empire“ kommt einem üblichen erwarteten Mix aus Rock und Jazz am ehesten entgegen, es verfügt über eine dichte Struktur im Aufbau und wirkt relativ funky mit seinem tanzbaren Groove. Aus der Reihe tanzt das Kaninchen dann mit Track sechs (“Dancing Rabbit“), dass in der Tat einen kleinen Anschub aus der Karibik zu erhalten haben scheint.

Und so lässt sich rasch feststellen, dass dieses alles andere als “08/15-Musik“ ist, hier kann man noch Abenteuer erleben, spannend und unterhaltend erzählt, Langeweile kommt absolut nicht auf. Das längste Stück, “Pyre“, schließt den niveauvollen Reigen ab, und gleich zu Beginn werden mit elektronischen Verfremdungen bereits Zeichen gesetzt, es brodelt von Beginn an, man ist gespannt, was um die Ecke lauert. Und so entwickelt es sich auch langsam und stetig, bis dann etwa ab Minute acht zum kraftvollen Finale geblasen wird, regelrecht Druck wird von allen Instrumenten verbreitet, Kinzelman bricht aus, allerdings ziemlich im Hintergrund des dichten Mixes. Ein furioser Abschluss einer faszinierenden Musik!